signs out of time, 2014

Neue Sinnlichkeit

Susa Reinhardt: „Signs out of time“ im Kunstverein Brackenheim</strong>

Von Leonore Welzin, Dezember 2014

 

Sanftes Gelb und zartes Rosa, zwei diagonale Streifen in Pastelltönen auf weißem Bildgrund, in „Wheel loader tracks yellow and pink" überrollt von der Schmutzspur eines Radladers. Ein weiteres Großformat in der Ausstellung „Signs out of time“ zeigt den gleichen breiten Profil-Abdruck, allerdings mehrfach übereinander gelagert, als bilde die Reifenspur einen Rangiervorgang ab. Übermalt hat Susa Reinhardt diesen Abrieb mit runden, pop-bunten Wackelpudding-Türmchen. Angeordnet sind diese, auch unter Götterspeise bekannten Süßspeise-Portionen, wie Fixpunkte des Sternbildes Steinbock. Das erschließt sich aus Verbindungslinien zwischen den Gelee-Häufchen wie aus dem Titel: „The Jellystars of Capricorn“. 

 

„Ich arbeite mit Schmutz und Flecken, weil ich versuche, die traditionellen, in bestimmten Bedeutungen konnotierten Bildsprachen der Malerei zu umgehen“, erläutert die Stuttgarter Künstlerin ihre Affinität zum Experiment mit dem als dreckig, schmierig und unrein konnotierten  Werkstoff Dreck. „Signs out of time“, Zeichen, die aus der Zeit gefallen sind, arrangiert Susa Reinhardt in ebenso ungewöhnlicher wie faszinierend subtiler Weise.

 

Dabei steht das Zeichen nicht nur als Ikon oder Symbol stellvertretend für das Abgebildete, sondern weckt sinnliche Sensationen wie Mundgefühl und Geschmacksbilder, Wärme und Kälte, Nähe und Ferne, Sympathie und Antipathie bis hin zur Aversion. Der verwendete Stoff, hochwertiger, sehr glatter Mako-Köper für Bettwaren, lässt sofort an einen Ort der Privatsphäre und Intimität denken. Das breite Reifenprofil an Straße, Gewicht, Druck und die Empfindung überrollt, übergangen, überfahren zu werden. Ein kaum zu überbietender Kontrast zur astrologischen Assoziation und den künstlich wirkenden Gelee-Häppchen, definiert Susa Reinhardt einen ganz eigenen Kosmos neuer Sinnlichkeit.

 

Wie kommt es zu dieser Thematik, wie zur Durchführung? Ausgangspunkt der Werkreihe „Schmutz auf Acryl“ war die Exposition von Bettlaken mit Gebrauchsspuren eines Punk und eines Bankers über eine gewisse Zeitspanne. Der Grad der Verschmutzung als Narrativ unterschiedlicher Lebensstile verwendet Susa Reinhardt weiterhin Bettlaken als Malgrund. Das Atelier der Künstlerin liegt im Areal von S21, wo täglich Laster mit Erdaushub vorbeifahren. Hier legt sie ihre Leinwände auf dem matschigen Boden an der Zufahrtsstraße aus. Tonnenschwere Radlader fahren nach ihrer Anweisungen darüber.

 

Zentrum des Interesses der Künstlerin ist der „Feminismus als Urgeschichte, gefiltert durch ein Pop-Bewusstsein“, so Reinhardt. Dieser höchst originelle Ansatz führt vom Konzept über malerische und fotografische Werkreihen zu Installationen. Unter Titeln wie „M-sign on cloth“ (2013) auf einer gefundenen Decke und „Raindrop curtain“ (2014), hergestellt aus Perlen, Nylon und Metall, präsentiert Reinhardt eine sehr poetische Variante ihrer raum- und zeitüberspannenden Thematik.

 

Info: Susa Reinhardt: „Signs out of time“ im Kunstverein Brackenheim bis Sonntag 21. Dezember im Flüchttor-Gebäude, Schleglergasse 13.  www.kunstverein-brackenheim.de 

Das "Nicht-Figurative" 2014

 

In meinen neuen Arbeiten beziehe ich mich auf prähistorische Zeichen und Symbole. 

Dabei geht es vorwiegend um geometrischen Zeichen wie Punkte,  Zickzack-Linien und M-Zeichen, die frühe Symbole für Wasser, Fruchtbarkeit und Erneuerung sind. Ich verwende die alten Zeichen und Muster in meiner Malerei.

 

Inhaltlich beschäftige ich mich mit der im  20. Jahrhundert vollzogenen  Auflösung der Symbole und der Transformation der Bedeutungen auf der Bildebene. 

Nachdem ich mich zunächst mit den sozialen Strukturen der westlichen Gesellschaften, den Verhaltensmustern und den codierten Zeichen der Gegenwart auseinandergesetzt habe, habe ich nach den mythologischen Wurzeln der Zeichen gesucht.

Inwieweit die frühen Zeichen in der von vielen Schichten überlagerten Kultur noch wirksam sind, versuche ich mit meinen neuen Arbeiten herauszufinden und sie einer aktuellen Situation gegenüberzustellen.

Die Texte und Forschungen von Marija Gimbutas, Gerda Weiler, André Leroi-Gourhan und anderen Forscher/innen sind hierbei meine Grundlagen. Die Mehrschichtigkeit der Bedeutung der alten Symbole und die hohe Abstraktion der Zeichen interessieren mich sehr.

 

Die Bildträger aus feinem Stoff lege ich zuerst auf eine schmutzigen Strasse, bevor ich sie über die Leinwände spanne. Der anhaftende Strassenschmutz verwandelt den weissen Stoff in eine Landschaft, die ich als Grundlage für meine Bildkompositonen verwende. 

Mein Atelier liegt an einer Strasse die von den Baustellen des Großprojektes Stuttgart 21 umgeben ist. Es fahren täglich unzählige 10-Tonner und Radlader vorbei. Die Fahrer fahren gerne auch nach meinen Anweisungen über die Stoffe so daß ich die Reifenspuren gezielt als grafisches Element verwenden kann. Der Strassenschmutz befreit mich ein Stück weit von den Stilmitteln der modernen Malerei und gibt dem Bild eine mehrschichtige Tiefe. 

 

„Das Gewicht der im Weltgedächtnis angesammelten Bildung verdeckt die genaue Bedeutung einer Evolution, die uns nach einem kurzen Jahrhundert der Reorientierung an den Punkt führt, an dem die unmittelbaren Vorgänger der Maler von Lascaux standen.“

André Leroi-Gourhan, „Hand und Wort“ (1964)

 

Text zur Arbeit von Jasmina Haskic 2009

 

 Susa Reinhardts Malerei zeigt konsequent Natur: Bäume, Felder, Schluchten, Seen, Wiesen, Lichtungen. Ihr Interesse gilt der Landschaft als kulturhistorisch geprägten Bildcode, als einem Konstrukt aus unterschiedlichen Zeichen. Susa Reinhardt zeigt ihren eigenen Gegenentwurf zu einer romantischen und mystisch-monumentalen Landschaftsmalerei. Sie erreicht dies durch einen stark an Trickfilm und Comics angelehnten Stil, der eine märchenhafte aber auch unheimliche Atmosphäre schafft.

 

Zunächst kann Susa Reinhardts Kunst als eine Kritik an der traditionellen Idealvorstellung einer erlösenden, idyllischen Natur gesehen werden. Ihre Kritik geht aber weit darüber hinaus, sowohl hinsichtlich der Naturdarstellung im Speziellen und dem Naturbegriff im Allgemeinen. Wie Joseph Kosuth, bei dem Susa Reinhardt studiert hat, beschäftigt sie sich mit den Problemen der Sinneswahrnehmung und dem Verhältnis von Kunst und Realität. Bezüglich der Darstellung herrscht bei Susa Reinhardt die Reduktion auf einfache Zeichen vor, die dennoch unmittelbar als Baum, Wolke, Wiese und Stein wahrgenommen werden und gerade durch ihre starke Formelhaftigkeit den Sehprozess als Summe von regelhaften Identifizierungs - und Ordnungsprozessen offenlegt. Besonders deutlich wird dies in der Serie „Fragment eines Gefühls“ in der jeweils nur das Minimum an Farbe (braun), Form (lang) und Oberflächenstruktur (uneben) gezeigt wird mit dem sich das Identifikationsmoment „Baum“ einstellt. Durch ihre Motivwahl und die Wiederholung verdichtet sich die Arbeit von Susa Reinhardt zu einer Reflexion über das Verhältnis zur Natur, das erzeugt wird durch die Identifizierungs - und Ordnungsprozesse, die bei der Betrachtung von Natur stattfinden. Diese wiederum leiten sich aus einer Funktionsbeziehung ab, die kulturell und historisch veränderlich ist. Die vordergründige Idylle in Susa Reinhardt Bildern gibt genau die Vorstellung der Natur als lieblich und erholsam wider, die unsere Sehnsucht sucht.

 

Susa Reinhardt malt die Natur überzogen bunt und comic-haft, mit oft weichen Konturen, bewohnt von niedlichen Tieren. Diese vermeintliche Idylle bricht sie, indem sie die einzelnen Elemente auf der Bildfläche verstreut oder isoliert, durch ein plastisches Licht, und das Fehlen einer Raumtiefe. Mit spielerischem Gestus und dem Einsatz der Stilelemente aus der Trickfilm und Comickultur entwirft Susa Reinhardt eine Naturdarstellung, die sich bewusst gegen eine lange Tradition der Landschaftsmalerei stellt und eine „eigene“ Bildsprache entwirft.

 

In ihren neuesten Arbeiten zeigt sich Susa Reinhardt Auseinandersetzung mit der Natur bereits in der Wahl des Bildträgers. Als Untergrund für die Darstellung der Natur dient ihr hier nicht mehr die Leinwand, sondern Stoff, den sie zuvor mit Schmutz auf der Straße vorbehandelt. Der Stoff trägt Spuren und Zeichen der Straße die sich im Bild zum Gebirge und Felslandschaft verdichten. Über diesen Schweben jene Symbole unserer Gesellschaft die für die reine, klare Natur stehen: Diamanten und Sterne. 

Steine sprechen Knochen brechen  2004

 

 Die Serie "Steine sprechen Knochen brechen" ist eine malerische Reflexion über das Verhältnis zur Natur. Die Landschaftsmalerei ist seit der Romantik im 19. Jahrhundert ein Abbild der Natur, das als Sehnsuchtsbild dient. 

Im 20. Jahrhunder orientierten sich die Regisseure von amerikanischen Trickfilmen an den europäischen Malern des 19. Jahrhunderts. Das Landschaftsbild wurde zur Illustration und diente bei Trickfilmen als Hintergrund. Inzwischen sind die idealisierten Motive aus der Natur auch in virtuellen Welten zu sehen.

Der Bezug zur Natur ein tief im Menschen verankertes Gefühl das durch viele Filter gebrochen wurde. 

 

Theodor Storm: Die Regentrude

 

"... Sinnend und in der frischen Kühle aufatmend, ging Maren umher. Da begann zu ihren Füßen ein neues Wunder. Wie ein Hauch rieselte ein lichtes Grün über die verdorrte Pflanzendecke, die Halme richteten sich auf, und bald wandelte das Mädchen durch eine Fülle sprießender Blätter und Blumen. Am Fuße der Säulen wurde es blau von Vergißmeinnicht; dazwischen blühten gelbe und braunviolette Iris auf und verhauchten ihren zarten Duft. An den Spitzen der Blätter klommen Libellen empor, prüften ihre Flügel und schwebten dann schillernd und gaukelnd über den Blumenkelchen, während der frische Duft, der fortwährend aus dem Brunnen stieg, immer mehr die Luft erfüllte und wie Silberfunken in den hereinfallenden Sonnenstrahlen tanzte..." 

 

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Susa Reinhardt  Atelierhaus des Württembergischen Kunstvereins, Im Schellenkönig 56, 70184 Stuttgart